Texte Sonderausstellung
Texte Sonderausstellung Im Schatten der Befreiung. Gefängnis Scheveningen 45-50
Gefängnis Scheveningen 45-50
Am 6. Mai 1945 werden die ersten politischen Gefangenen des Oranjehotels freigelassen. Einige Tage später, am 12. Mai, trifft eine neue Gruppe Gefangener im Gefängniskomplex von Scheveningen ein: 87 Polizeifunktionäre aus Den Haag. Sie stehen im Verdacht der Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht. Das ehemalige Oranjehotel wird zu einer „Zentralen Sammelstelle für Politische Gefangene‟.
Fünf Jahre lang dient der Komplex, der aus mehreren Zellblöcken, der Strafvollzugsanstalt und der Besonderen Strafvollzugsanstalt besteht, als Gefängnis für Kollaborateure und Anhänger des Nazi-Regimes. Während dieser Zeit sitzen hier tausende Menschen in Haft: von überzeugten Nazis und Anführern der NSB (der nationalsozialistischen Bewegung der Niederlande) bis zu Menschen, die für die Besatzer arbeiteten, in der deutschen Armee dienten oder als Verräter verhaftet worden waren.
Die Internierung nach Kriegsende ist ein unbequemes Kapitel unserer Geschichte. In dieser Phase war die Situation zwischen der Wiederherstellung des Rechtssystems und dem gesellschaftlichen Wunsch nach Rache stark angespannt. Dies führte zu Missständen in den Gefängnissen und manchmal unausgewogenen Urteilen. Diese Zeit wirft eine wichtige Frage auf: wie kann eine Gesellschaft nach so umfassender Gewalt zu Gerechtigkeit finden?
Übersichtskarte
Kein Ort für Verräter
Parallel zur Ausstellung im NM Oranjehotel wird im Nationalmonument Kamp Amersfoort die Ausstellung ‚Kein Ort für Verräter‘ gezeigt. Diese Ausstellung schildert anhand persönlicher Geschichten die komplexe Geschichte des Lagers Amersfoort nach der Befreiung. Sie zeigt auf, dass die Haftbedingungen für die Internierten in den Jahren 1945-46 einige unbequeme Parallelen zu den vorherigen Bedingungen während der Besatzung aufwiesen.
1. Von der Befreiung zur Verfolgung und Vergeltung
Mit der deutschen Kapitulation am 5. Mai 1945 endet der Krieg für die Niederlande. Es folgt eine hektische Übergangszeit. Neben der Freude über die Befreiung herrscht in der Bevölkerung auch viel Wut. Die Menschen wollen sich an Kollaborateuren und Landesverrätern rächen.
Schon während des Kriegs befürchtet die niederländische Exil-Regierung einen „Tag der Abrechnung‟ an dem die Bürger das Recht in die eigenen Hände nehmen. Um dies zu verhindern, wird 1943 die Sondergerichtsbarkeit eingeführt: ein besonderes Rechtssystem, das nach Kriegsende eine schnelle und strenge Bestrafung von Kollaborateuren gewährleisten soll.
Nach der Befreiung kommt es zu einer Verhaftungswelle. Zehntausende Menschen werden aufgrund des Verdachts der Kollaboration mit den Besatzern verhaftet. Ein Teil von ihnen muss sich vor Sondergerichten und separaten Tribunalen verantworten. Die Grenze zwischen Vergeltung und Rache ist in dieser Zeit manchmal verschwommen.
Die Tage der Befreiung in Den Haag
Trotz der deutschen Kapitulation dauert es noch drei Tage, bis Den Haag befreit wird. Noch immer halten sich viele deutsche Soldaten in der Stadt auf und in den chaotischen Tagen nach der Befreiung kommt es an mehreren Orten im Land zu Gewalt und Schießereien. In Den Haag hat sich derweil noch kein Befreier blicken lassen.
Zivilisten und Mitglieder der ‚Binnenlandse Strijdkrachten‘ (Inländische Streitkräfte) fangen jedoch schon mit der Verhaftung von Verdächtigen an. Erst am 8. Mai 1945 wird die Befreiung von Den Haag mit der Ankunft der Prinzessin-Irene-Brigade und der Alliierten zum Fakt. In der Stadt wird anschließend tagelang gefeiert.
Die Niederlande will Rache
Trotz der Einrichtung der Sondergerichtsbarkeit lassen sich Vergeltungsaktionen nicht verhindern’ Kollaborateure werden aus ihren Häusern gezerrt, beschimpft und misshandelt. Den Frauen, die ein Verhältnis mit Deutschen gehabt haben, wird der Kopf kahlgeschoren und sie müssen Erniedrigungen erdulden. Den Abrechnungen fallen auch unschuldige Menschen zum Opfer. Ähnliche Racheaktionen finden in vielen Orten des Landes statt und werden oft von wütenden Zivilisten ausgeführt.
Zeit des Urteils
In der Zeit nach dem Krieg werden Wege gesucht, um nach einer Periode beispielloser Brutalität und Unterdrückung Gerechtigkeit walten zu lassen. In den Niederlanden wird die Sondergerichtsbarkeit eingeführt - er soll den Rechtsstaat wiederherstellen, aber auch Vergeltung ermöglichen. Dies erweist sich als eine schwierige Kombination, die zu härteren Strafen und zur Wiedereinführung der Todesstrafe führt.
Außerdem werden einige Grundrechte zeitweilig eingeschränkt: Verdächtige werden ohne gerichtliche Anordnung in Internierungslagern festgehalten und bestimmte Aktivitäten (wie die Mitgliedschaft in der NSB) rückwirkend unter Strafe gestellt.
Zwischen 120.000 und 150.000 Personen werden in dieser Zeit in Lagern oder Gefängnissen interniert Sie werden der Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht verdächtigt. Lediglich 66.000 von ihnen erscheinen schließlich vor einem Sondergericht oder Tribunal.
NSB-Leiter und Nazis vor Gericht
Am 7. Mai 1945 wird der NSB-Leiter Anton Mussert (1894-1946) unter dem lauten Jubel der Umstehenden von Mitgliedern der Inländischen Streitkräfte verhaftet. Seine Verhaftung ist kein Einzelfall: in den Tagen nach der Befreiung werden mehrere Anführern der NSB und der Nazis verhaftet.
Viele Niederländer haben jahrelang auf diesen Moment gewartet. Auch Hanns Albin Rauter, Meinoud Rost van Tonningen und Robert van Genechten werden verhaftet. Genau wie Mussert werden sie bis zum Beginn ihrer Gerichtsverhandlungen im Gefängniskomplex von Scheveningen festgehalten.
Anton Mussert
Anton Mussert (1894-1946) ist der Leiter der nationalsozialistischen Bewegung (NSB) der Niederlande. Während der Besatzung arbeitet er eng mit den Besatzern zusammen und wird 1942 zum „Führer des niederländischen Volkes‟ ernannt.
Am 12. Dezember 1945 spricht der Sondergerichtshof den NSB-Leiter des Hochverrats schuldig und verurteilt ihn zum Tod. Mussert wird am 7. Mai 1946, genau ein Jahr nach seiner Verhaftung, auf der Waalsdorpervlakte erschossen.
Hanns Albin Rauter
Hanns Albin Rauter (1895-1949) leitet als Höherer SS- und Polizeiführer alle deutschen Polizei- und SS-Einheiten in den Niederlanden. In dieser Funktion ist Rauter verantwortlich für zahlreiche diskriminierende Vorschriften und Maßnahmen, darunter die Deportation der niederländischen Juden, die Verpflichtung niederländischer Männer zur Zwangsarbeit und die Bekämpfung der Widerstandsgruppen.
Nach dem Krieg wird Rauter in Deutschland von den Alliierten verhaftet. Sein Prozess findet im April 1948 beim Sondergerichtshof in Den Haag statt. Rauter wird zum Tod verurteilt und am 25. März 1949 auf der Waalsdorpervlakte erschossen.
Meinoud Rost van Tonningen
NSB-Politiker Meinoud Rost van Tonningen (1894-1945) bekleidet während des Kriegs mehrere hohe Ämter. Er is bekannt für seinen unverhüllten Antisemitismus. Am 8. Mai 1945 wird Rost van Tonningen von den Alliierten verhaftet.
Nach kurzem Aufenthalt in verschiedenen Internierungslagern wird er am 5. Juni 1945 in den Gefängniskomplex von Scheveningen gebracht. Am folgenden Tag begeht Rost van Tonningen Selbstmord. Nach seinem Ableben verbreitet sich das Gerücht, dass sein Tod möglicherweise kein Selbstmord war.
Robert van Genechten
Der flämisch-niederländische nationalsozialistische Politiker Robert van Genechten (1895-1945) ist Publizist und Kollaborateur. Während der Besetzung arbeitet er u.a. als Generalstaatsanwalt am Gerichtshof von Den Haag. Nach einem Konflikt mit der Besatzungsmacht wird er 1943 seines Amtes enthoben.
Kurz nach dem Krieg wird Van Genechten verhaftet und ins Gefängnis von Scheveningen gebracht. Am 17. Oktober 1945 wird er zum Tod verurteilt. Zwei Monate später, am 13. Dezember 1945 begeht Van Genechten in seiner Zelle Selbstmord.
Johann (Hans) Schweiger
Die Leitung des Oranjehotels liegt lange in den Händen von SS-Unteroffizier Johann (Hans) Schweiger (1910-?). Unter seiner Führung verschlechtern sich die Bedingungen im Gefängnis. Nach dem Krieg wird Schweiger schwerer Kriegsverbrechen beschuldigt. Er wird jedoch für unzurechnungsfähig erklärt, weshalb das Verfahren gegen ihn eingestellt wird.
Dass Schweiger vor dem Sondergerichtshof erscheint, ist außergewöhnlich. Die meisten Bewacher und Leiter des Oranjehotels sind schon während der Besetzung verschwunden und werden nicht verurteilt.
2. Ein Gefängnis für Kollaborateure
Der Gefängniskomplex von Scheveningen hat zwischen 1945 und 1950 verschiedene Funktionen. Das Gefängnis ist ein zentraler Sammelort für (mutmaßliche) Kollaborateure und Nazis, die in Den Haag und der näheren Umgebung verhaftet wurden. Der größte Teil der Gefangenen sitzt in Untersuchungshaft oder wartet auf Überführung an den Ort, an dem sie ihre Haftstrafe absitzen werden.
Darüber hinaus können Verurteilte lediglich beim Sonderkassationsgericht in Den Haag Berufung gegen ihr Urteil einlegen. Daher sitzen Kollaborateure und Kriegsverbrecher aus den ganzen Niederlanden und Deutschland im Scheveninger Gefängnis, während sie auf ihre Berufungsverhandlung warten.
In den fünf Jahren, in denen der Gefängniskomplex von Scheveningen als Internierungslager dient, sind hier tausende politische Gefangene untergebracht: von überzeugten Nationalsozialisten bis zu Menschen, die aus Opportunismus oder um sich finanziell zu bereichern mit den Besatzern zusammenarbeiteten. Alle haben in mehr oder weniger großem Ausmaß zum System der Unterdrückung und Verfolgung durch das Naziregime beigetragen.
Zitat
„Eine Tragödie für den Teil der niederländischen Bevölkerung, der aufgrund dieser Täter im tapferen Streit gegen die Eroberer unsagbar gelitten hat und dann unterdrückt auf die Befreiung wartete. Eine Tragödie aber auch für die Internierten selbst, die schuldig und unschuldig, aus unterschiedlichsten Verhältnissen stammend, schon ausgereift oder noch ganz grün, ihrer Grundlagen entrissen wurden und nun in Unsicherheit verharren.“
- T.W. Lignac, 29. Juli 1946
Die Gefängnispopulation
Diese Daten basieren auf den Registrierungsbüchern des Gefängnisses (Nationalarchiv) und dem Archiv der Gefängnisleiterin Lignac (NIOD). Die Zahlen sind unvollständig: es sind keine Register für die Zellblöcke erhalten geblieben, sodass viele leichtere Fälle unter den Gefangen in der Übersicht fehlen.
* Diese Zahlen basieren auf 14.562 Urteilen des Sondergerichtshofs.
Was bedeutet Täterschaft?
Täterschaft ist ein breitgefächerter Begriff. In dieser Ausstellung liegt ihm die folgende Definition zugrunde: Menschen, die durch ihr Handeln oder ihre bewusste Mitarbeit zu einen System der Verfolgung, Unterdrückung und Massenmorde beigetragen haben.
Es gibt jedoch keine Blaupause für Täterschaft. Täter gibt es in allen Größen und Farben. Einige schmieden Pläne und geben die Befehle, während andere diese ausführen, wegschauen oder mitlaufen. Das Ausmaß der Verantwortung ist von Person zu Person unterschiedlich, doch sie sind alle Teil des Systems. Auch die Motive unterscheiden sich: von fanatischer Überzeugung und Loyalität bis zu Opportunismus, Folgsamkeit und sozialem Druck.
Arie*
Ab Mitte 1944 arbeitet Arie vier Monate lang als Wachmann für die Deutschen. Nach eigener Aussage entschließt er sich aus finanzieller Notwendigkeit dafür. Arie und seine Frau erwarten ihr erstes Kind und er braucht Arbeit.
Bei seiner Gerichtsverhandlung wird anerkannt, dass Arie eher Opfer seiner schwierigen Umstände als aktiver Landesverräter war. Das entlastet ihn jedoch nicht davon, für die Deutschen gearbeitet zu haben. Arie wird für „den freiwilligen Kriegsdienst bei der Besatzungsmacht‟ zu acht Monaten Haft verurteilt.
* Aus Datenschutzgründen werden nur die Vornamen von Menschen genannt, die nicht allgemein bekannt sind.
Helena
1936 wird Helena genau wie ihre Eltern Mitglied bei der NSB. Während des Kriegs übernimmt sie verschiedene Arbeiten für den Besatzer, darunter als Krankenpflegerin für die Leibwache von Anton Mussert. Vom 7. Juli 1945 bis 3. September 1946 wartet Helena im Scheveninger Gefängnis auf ihr Urteil.
Während ihrer Haft fertigt sie eine Zeichnung mit einem Gedicht an, in dem sie um mehr Verständnis für die von ihr getroffenen Entscheidungen bittet. Helena wird der Beihilfe des Feindes und Mitgliedschaft in der NSB für schuldig befunden. Am 3. September 1946 wird ihr Strafverfahren jedoch eingestellt.
Jacobus Breedveld
Jacobus Breedveld (1906-?) wird am 7. Mai 1945 verhaftet, weil er ein untergetauchtes jüdisches Ehepaar verraten hatte. Am ersten Sitzungstag des Sondergerichtshofs wird er zum Tode verurteilt: das erste Todesurteil seit 75 Jahren.
Viele Niederländer empfinden Frust darüber. Jacobus, ein einfacher Bauer, der aus finanziellen Gründen handelte, passt nicht ins Bild eines fanatischen Verräters. Im Vergleich zu späteren Verhandlung fällt seine Strafe außergewöhnlich hart aus. Später wird das Urteil in einer Berufungsverhandlung in 20 Jahre Haft umgewandelt, die er in verschiedenen Gefängnissen absitzt.
Tinus Osendarp
Der Athlet Tinus Osendarp (1916-2002) gehört vor dem Krieg zu den besten Sprintern der Welt. Während der Besatzung verliert Tinus seinen Arbeitsplatz und beginnt für die Polizei in Den Haag zu arbeiten. Er wird nacheinander Mitglied bei der NSB und der niederländischen SS. Durch seine Arbeit in der Fotoabteilung der SD wird Tinus in das berüchtigte „Kommando Leemhuis“ verwickelt.
Durch seine Arbeit für diese Organisation, die in der Region Den Haag nach Widerstandskämpfern sucht, ist Tinus an der Verhaftung dutzender Menschen beteiligt. Nach dem Krieg wird er verhaftet und in das Scheveninger Gefängnis gebracht. Während seiner Gefangenschaft wird Tinus schwer misshandelt. Er wird zu 12 Jahren Haft verurteilt, aber 1952 schon wieder freigelassen.
Lies
Lies (1917-2003) wird 1941 aus Überzeugung Mitglied bei der NSB. 1943 bekommt sie einen Job als Wächterin im Lager Vught. Hier arbeitet Lies ein Jahr lang, ehe sie ins Konzentrationslager Ravensbrück versetzt wird. Nach einem halben Jahr wird sie auf eigene Bitte ins Oranjehotel versetzt. Hier arbeitet sie bis Kriegsende als Wärterin.
Nach der Befreiung wird Lies selbst in diesem Gefängnis eingesperrt, in Erwartung ihres Prozesses. 1947 wird sie für verschiedene Vergehen schuldig gesprochen, darunter der Beihilfe des Feindes. Lies wird zu drei Jahren Haft verurteilt, die sie im Gefängnis von Rotterdam absitzt.
Normale Menschen
Seit Jahrzehnten wird darüber nachgedacht, was Menschen zu Tätern von Kriegsverbrechen macht. In den 1960er Jahren wuchs die Erkenntnis, dass es sich selten um „Monster‟ handelt. Oft sind es ganz normale Menschen, die unter extremen Bedingungen Entscheidungen mit weitreichenden und oft gewalttätigen Folgen treffen.
Verschiedene Wissenschaftler wie Hannah Arendt (1906-1975) und später Christopher Browning (1944-) haben aufgezeigt, wie normale Menschen schwere Verbrechen begehen können. Täterschaft ergibt sich oft aus getroffenen, oder nicht getroffenen, Entscheidungen und dem moralischen und sozialen Kontext, in dem die Entscheidung getroffen wurde. Nur selten liegt ihnen angeborene Boshaftigkeit zugrunde. Entmenschlichung und ein verschobener moralischer Kompass spielen dabei eine große Rolle.
3. Das Leben hinter Gittern
In den fünf Jahren, in denen das ehemalige Oranjehotel als Gefängnis für politische Straftäter dient, ändert sich einiges für die Häftlinge. Die Anfangszeit ist von wechselnden Leitungen und Missständen geprägt.
Im ersten Nachkriegsjahr ist das Gefängnis überfüllt und oft teilen sich fünf Menschen eine Zelle. Nach der unruhigen Anfangszeit ordnen sich die Verhältnisse allmählich. Das Leben der Gefangenen bekommt eine feste Struktur aus Arbeit, Frischluft und Appell. Sie leben von der Gesellschaft getrennt zwischen den regulären Häftlingen der Anstalt. Frauen sind in einem separaten Bereich im ehemaligen deutschen Zellblock untergebracht. Viele Häftlinge müssen lange auf ihren Prozess warten.
Ab 1950 kommen keine neuen politischen Straftäter mehr hinzu. Im Laufe der 50er-Jahre verlassen die letzten von ihnen das Gefängnis.
Missstände im Gefängniskomplex von Scheveningen
Kurz nach der Befreiung kommt es in verschiedenen Internierungslagern für politische Straftäter zu schweren Missständen. Auch in Scheveningen eskaliert die Situation im Mai und Juli 1945 unter der Leitung von Roelof Gritters. Die Gefangenen werden täglich von Gritters und den Wächtern - Mitglieder der Marechaussee und der Inländischen Streitkräfte - misshandelt, erniedrigt und bestohlen, die oft Rachegelüste hegen.
Nachdem die Presse über diese Missstände berichtet, kommt es schon bald zu Kontrollen der Einrichtung. Dies führt dazu, dass Gritters Ende Juli aus seinem Amt entlassen wird und die Wärter werden durch professionelles Personal ersetzt. Danach wird es allmählich ruhiger im Gefängnis.
Zitat
„Wir konnten hören, wie die Gefangenen geschlagen wurden und ihr Stöhnen und Schreien brachte uns um den Schlaf.“
- Zitat aus einem Bericht über die vorherrschenden Missstände im Scheveninger Gefängniskomplex, 1945
Das Alltagsleben
Der Tagesablauf der Gefangenen besteht aus Appell, Arbeit und kurzen Momenten an der frischen Luft. Einmal pro Woche dürfen sie sich ein Buch aus der Bibliothek ausleihen. Besuche sind nur in Ausnahmen gestattet und nur einmal pro Monat dürfen sie einen Brief schreiben. Für die schwersten Fälle wie Mussert und Rauter gilt ein strengeres Regime mit weniger Freiheiten.
Weibliche Häftlinge arbeiten in der Bibliothek, im Krankentrakt, in der Nähkammer oder im Garten. Die Männer arbeiten in der Reinigung, in Werkstätten oder in der Küche. Einige Männer müssen außerdem die Leichen der erschossenen Widerstandskämpfer in der Waalsdorpervlakte exhumieren und bergen. Eine furchtbare Arbeit, die auch als eine Form der Vergeltung dient.
Die Frauenabteilung unter Lignac
Am 10. Mai 1945 wird Theodora Lignac (1910-2010) als Leiterin der Frauenabteilung eingestellt. Anfangs werden die weiblichen Gefangenen in einer Schule am Lyceumplein untergebracht. Erst am 25. Mai ziehen die rund 500 Frauen in das Gefängnis von Scheveningen um. Hier werden sie in einem kaum bewohnbaren und halb abgebrochenen Zellblock untergebracht.
Die Lebensbedingungen sind schlecht. Die Frauenabteilung ist überfüllt und schmutzig, und in jeder Zelle leben mindestens drei Frauen. Die weiblichen Gefangenen sind unter der Leitung von Gritters ebenfalls Gewalt und Erniedrigungen ausgesetzt. Dank des Einsatzes von Lignac und dem Eintreffen einer neuen Gefängnisleitung verbessern sich die Haftbedingungen der Frauen allmählich.
Roelof Gritters
Roelof Gritters (1903-1982) wird im Krieg vor allem von Opportunismus und Selbstinteresse angetrieben. 1942 wird er Mitglied der NSB und fahrt nach Deutschland, um dort zu arbeiten.
Ein Jahr später wird Gritters verhaftet und wegen Unterschlagung von Gold, Geld und anderen Gütern verurteilt. Einen Teil seiner Strafe verbüßt er im Oranjehotel.
Nach seiner Freilassung arbeitet Gritters als Übersetzer für die Canadian Field Security. In den ersten Monaten nach der Befreiung wird ihm die Leitung des Scheveninger Gefängnisses übertragen. Kurz nach seiner Entlassung am 13. Juli 1945 wird Gritters selbst aufgrund seiner NSB-Vergangenheit verhaftet und im Lager Levantkade eingesperrt. 1947 muss sich Gritters vor dem Tribunal in Amsterdam verantworten. Dank falscher Zeugenaussagen kann er seinen Namen reinwaschen und wird freigesprochen.
Der Konflikt zwischen Lignac und Gritters
Als Leiterin der Frauenabteilung im Scheveninger Zellblock hält Lignac ihre Erfahrungen detailliert in schriftlichen Notizen fest. Im Juni 1945 kommt es zum Konflikt mit Gritters. Ohne Zustimmung will er Frauen in die Strafanstalt verlegen, in der nächtliche Feiern für das Personal stattfinden. Lignac weigert sich. Die Frauen werden trotzdem in die Strafanstalt verlegt, in der sie missbraucht und erniedrigt werden. Lignac versucht ihnen zu helfen, indem sie dafür sorgt, dass die Frauen täglich vom Personal der Frauenabteilung betreut werden.
Zeitleiste
1943 - Niederländische Exilregierung führt die Sondergerichtsbarkeit ein
5. Mai 1945 - Deutschland kapituliert
6. Mai 1945 - Erste Gruppe Gefangener wird aus dem Oranjehotel freigelassen
8. Mai 1945 - Militärverwaltung beginnt den Gefängniskomplex von Scheveningen als Internierungslager zu nutzen
10. Mai 1945 - Erste Gruppe politischer Straftäter wird in das Gefängnis gebracht
23. Mai 1945 - Roelof Gritters wird die Leitung des Gefängnisses übertragen
25. Mai 1945 - 500 Frauen beziehen einen Zellblock unter Leitung von Theodora Lignac
4. Juni 1945 - Erster Untersuchungsbericht durch provinzialen Inspektor
15. Juli 1945 - Haftanstalt wird formal der Militärverwaltung unterstellt
21. August 1945 - Erster Sitzungstag des Sondergerichtshofes in Den Haag
1. November 1945 - Generaldirektion für Sondergerichtsbarkeit (‚Directoraat-Generaal voor de Bijzondere Rechtspleging‘, kurz DGBR) wird eingerichtet.
20. November 1945 - Erster Sitzungstag der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse
7. Mai 1946 - Mussert wird auf der Waalsdorpervlakte hingerichtet
5. Oktober 1946 - Erste Gedenkfeir und Einweihung von Zelle 601 im ehemaligen Oranjehotel
1. März 1948 - Frauenzellblock wird aufgelöst
1. Januar 1949 - Generaldirektion für Sondergerichtsbarkeit wird aufgelöst
15. Januar 1950 - Zellblöcke werden ein Haus der Erinnerung
4. Gerechtigkeit üben, damals und heute
Mit der Entlassung der letzten politischen Straftäter aus dem Scheveninger Gefängnis in den 1950er-Jahren endet dieses beschwerliche Kapitel der Geschichte. Nach einer kurzen oder längeren Gefangenschaft kehren viele zurück in die Gesellschaft. Und doch verschwindet die Vergangenheit nicht hinter Schloss und Riegel.
Für die Familien der Kollaborateure bleibt es eine schmerzvolle Epoche. Scham und Schweigen darüber sind oft traumatisch und wirken noch lange nach. Mit der teilweisen Öffnung des Zentralarchiv für Sondergerichtsbarkeit in 2025 erhielt dieser beladene Teil der Geschichte erneut Aufmerksamkeit.
Weiterhin ist die Frage, wie eine Gesellschaft nach Zeiten des Konfliktes und der Gewalt weitermachen kann, auch heute noch unvermindert aktuell. Ganz in der Nähe des ehemaligen Oranjehotels befasst sich der Internationale Gerichtshof mit Straftaten wie Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das komplexe Zusammenspiel aus Gerechtigkeit, Vergeltung und Vergebung ist auch hier weiter spürbar. Dies erinnert uns an eine wichtige Frage: was bedeutet es, Gerechtigkeit üben - damals und heute?
Das Zentralarchiv für Sondergerichtsbarkeit
Im Zentralarchiv für Sondergerichtsbarkeit (‚Centraal Archief Bijzondere Rechtspleging‘, kurz CABR) werden 30 Millionen Seiten Papier in Akten aufbewahrt. Damit ist es das größte Kriegsarchiv der Niederlande. Seit 2000 wird das CABR vom Nationalarchiv verwaltet. Die Akten enthalten zahlreiche historisch bedeutende Quellen: von Polizeiberichten und Gerichtsurteilen bis zu psychologischen Untersuchungen, Zeugenaussagen und persönlichen Besitztümern.
Die vor kurzem erfolgte teilweise Öffnung und Digitalisierung des Archivs führte zu einer öffentlichen Debatte. Das CABR umfasst sensible und persönliche Informationen über Täter und Opfer. Daneben gibt es zahlreiche Strafakten von Menschen, die schließlich nicht verurteilt wurden. Dies macht das CABR zu einem komplexen Archiv, das sich nur schwer navigieren lässt.
Die Nachwirkungen der Kollaboration
Nach ihrer Freilassung kehren viele Kollaborateure in eine Gesellschaft zurück, die ihnen mit Misstrauen und Ablehnung begegnet. Einige leiden unter andauernden Folgen wie Ausgrenzung oder Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche. Andere können ihr Leben unbehelligt fortführen.
Auch die folgenden Generationen tragen manchmal noch die Last der Schuld der Kollaborateure. Lange Zeit wird den Geschichten der zweiten und dritten Generation der vom Krieg Betroffenen kaum Raum gegeben. Innerhalb der Familie und in der Gesellschaft wird das Thema oft verschwiegen. Scham, Schuldgefühle und manchmal sogar Trauma wirken bis in die Gegenwart nach.
Zitate
„[...] Ich begann zu weinen und erzählte, dass ich der Öffnung des CABR-Archivs mit Angst entgegensah. Der Arzt sagte, dass ich dadurch möglicherweise unter Stress litt und ständig zu flach atme. Das passiert heute noch sehr oft.“
- ARQ, Bericht „Geräusche aus der Stille‟, September 2004
„Die Kriegsvergangenheit meiner Elten schränkt mein Sozialleben ein. Ich habe keine Freunde. Ich habe Bekannte, aber keine Freunde.“
- ARQ, Bericht „Geräusche aus der Stille‟, September 2004
Auf der Suche nach der Geschichte
In den vergangenen Jahren wurde das Thema allmählich enttabuisiert. Den Erfahrungen der Kinder und Enkel von Kollaborateuren wird mehr Gehör gegeben. Sie erzählen ihre Geschichte in Büchern, Dokumentationen, Ausstellungen und Podcasts. Leidensgenossen finden gegenseitige Unterstützung in Gruppen wie der Stiftung „Werkgroep Herkenning“ (‚Arbeitsgruppe Anerkennung‘).
Der Internationale Gerichtshof
Keinen Kilometer vom Oranjehotel National Monument entfernt verhandelt der Internationale Gerichtshof heute noch Klagen gegen Verdächtige, die Verbrechen an der Menschheit begangen haben sollen. Er steht vor den gleichen grundlegenden Fragen wie der Sondergerichtshof: wie kann nach Krieg und Konflikt Recht gesprochen werden und was bedeutet „Gerechtigkeit üben“ in diesem Zusammenhang?
Der Gerichtshof zeigt, dass es keine eindeutigen Antworten auf diese Fragen gibt. Politischer Druck, beschränkte Mittel und schwankende internationale Unterstützung zeigen, dass die Strafverfolgung von Tätern damals wie heute nie frei von Mängeln ist.
